Das Trauma linker Teutonen

„Jeder Verein kennt mindestens eine Todsünde: die katholische Kirche den verhüteten Verkehr, die Konservativen die Nähe zu Kommunisten, die Träger von Designerklamotten den Anzug von der Stange, die Bundeswehr den totalen Pazifismus. Die Todsünde bei den Linken hierzulande besteht darin, unverkrampft zu erklären: Ich liebe Deutschland. Wer das erklärt – so die Lesart einiger Gralshüter –, hat damit zugleich auch ein positives Bekenntnis zu Auschwitz abgelegt. Und zu zwei Weltkriegen. Zur Deutschen Bank und der Ausbeutung der Dritten Welt durch das deutsche Kapital etc. pp.
Die angehende PDS-Vorsitzende hatte auf dem Parteitag in Cottbus ihre Zuneigung zu Deutschland offenbart und deutlich gemacht: Wenn man ein Land gestalten wolle, müsse man es auch mögen. Was man hasse oder ablehne, könne man nicht verändern oder verbessern – allenfalls müsse man es beseitigen. Darauf abgestimmt war das Motto des Parteitages: »… daß ein gutes Deutschland blühe« – ein Zitat aus Brechts Kinderhymne.
Frau Zimmer erhielt anschließend 93 Prozent der Stimmen. Offenkundig teilte die übergroße Mehrheit der Delegierten ihre Auffassung.
Im Unterschied zu vielen Journalisten, die das Neue dieser Botschaft sofort begriffen, mußten die in Cottbus geschlagenen Parteikader erst ihre Wunden lecken, ehe sie sich nach zwei Wochen zu Stellungnahmen aufrafften. Der eine glaubt, einen zu sorglosen Umgang mit dem Begriff Nation anmahnen zu müssen, der andere erinnert an Auschwitz – als wenn dies auch nur ein politisch wacher Mensch in Deutschland jemals außer acht ließe –, eine dritte führt den Vorwurf der Deutschtümelei ein, eine vierte will sich eine andere Parteivorsitzende suchen …
Die ganze Aufgeregtheit offenbart mindestens drei Tatsachen. Erstens die eklatanten Lücken im Geschichtsbild der Kritiker, zweitens die mangelnde Beherrschung der Dialektik – beides wohl die Folgen später Geburt, die sich in diesem Falle nicht mehr als Gnade erweist –, drittens schließlich das Fortleben des Kalten Krieges. Erfahrungsgemäß verharren Linke nicht ungern in ihren alten Denkmustern. Man feierte früher die nationalen Befreiungsbewegungen in Lateinamerika als fortschrittlich – aber bereits das Bekenntnis zur Nation in einem europäischen Land galt als reaktionär. Weil man den Nationalstaat und seine Institutionen mit der Nation gleichsetzte. Und Nation, diese ethnisch-kulturelle Gemeinschaft, als etwas Statisches betrachtete. Und weil man deutschen Nationalismus und Chauvinismus für Völkermord und Holocaust verantwortlich machte und dabei ignorierte, daß diese allenfalls ideologische Instrumente waren, nicht aber die Gründe für diese Verbrechen. Von all den Dimitroff-Epigonen hat kaum einer dessen große, diese Frage differenziert behandelnde, Rede von 1935 gelesen. Aufgerufen wird ständig Dimitroffs »Faschismus-Formel« – halbverdaut, weil zitiert aus Fast-Food-Werken des Marxismus-Leninismus. Ganztexte zu lesen, ist eines antideutschen Teutonen unwürdig.
Die deutschen Linken – zunächst ausgegrenzt als vaterlandslose Gesellen, dann opportunistisch angepaßt – haben das Thema Nation schon vor hundert Jahren den Rechten überlassen. Wenn nunmehr endlich versucht wird, dieses Thema von links zu besetzen, dann wird lediglich ein alter Fehler korrigiert und eine überfällige Debatte angeschoben. Der Verweis auf einen falschen Zeitpunkt ist albern: Bei diesem komplizierten Problem ist der Zeitpunkt immer falsch. Irgendein Merz stoibert stets durch die politische Landschaft.
Die Rechten haben sich seinerzeit, ohne auf Widerstand zu stoßen, des Themas bemächtigt. Und sie mußten es nie wieder hergeben, weil es bis dato nicht zurückgefordert wurde. Es gilt als deren Erbhof. Was also soll das Geschwafel im linken Zirkel von der Gewinnung geistig-kultureller Hegemonie, wenn diese – zentrale – Frage weiterhin ausgeklammert bleiben soll?
Die Frankfurter Allgemeine Zeitung hat sehr wohl den strategischen Vorstoß der PDS-Vorsitzenden begriffen. »Sie möchte eine Linke, die den anti-deutschen Affekt ablegt, die dem eigenen Land nicht mit grundsätzlichem Vorbehalt begegnet, sondern es mag – über die Verfassung hinaus.« Allein schon der Absender dürfte einigen diese Feststellung suspekt erscheinen lassen. Denn noch immer lautet die politische Arithmetik bei einigen Linken: Wenn bei den Konservativen 2+2=4 ist, dann müssen wir schon aus Prinzip zu einem anderen Resultat kommen.
Das Thema Nation hatte sich 1989/90 nicht erledigt, und es wird sich auch durch Europa nicht erledigen. In einer zunehmend unübersichtlich werdenden Welt orientieren sich die Menschen an Vertrautem. Gemeinsame Sprache, Kultur und Geschichte besitzen eine größere Bindekraft als der Euro. Wenn man das weiß, muß man sich darauf einstellen – bevor es andere tun. An die Stelle eines Hurra-Patriotismus – von »deutscher Leitkultur« bis »Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein« – sollte die Linke ein Konzept der Nation setzen, das nach außen durch Unabhängigkeit und ein gleichberechtigtes Bündnis mit anderen Völkern, nach innen durch eine freiheitliche Verfassung und die Verwirklichung sozialer Gerechtigkeit bestimmt ist. Und nebenbei: In einer demokratisch-sozialistischen Gesellschaft würde die Mehrheit des Volkes endlich auch in die Nation als eine staatlich organisierte Werte- und Kulturgemeinschaft der Freien und Gleichen einbezogen sein – wovon die Linken schon im 19. Jahrhundert träumten. Aber nie ernsthaft darum kämpften.“

Von Robert Allertz, aus „Das Blättchen“ von 2000

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