„NS-Fanta“: Einen Augenblick sympathisch

Die Coca-Cola Company hat zum 75. Jubiläum seiner Fanta ein Video hochgeladen, welches um den Retro-Look der alten/neuen Flasche werben soll.

Dieses Video löste im Internet und in den Zeitungen einiges Unbehagen aus. In dem Video heißt es sinngemäß, dass vor 75 Jahren in Deutschland, aufgrund von Rohstoffknappheit, einige ziemlich schlaue Köpfe eine zündende Idee hatten und nun soll die gute alte Zeit zurückgebracht werden. Soweit so gewöhnlich, wäre vor 75 Jahren nicht 1940 gewesen und der Nationalsozialismus hätte gerade in Deutschland gewütet.

„Rosige Aussichten gab es damals keine, weshalb der bunte, lebensbejahende Clip ziemlich zynisch wirkt“, schreibt Felix-Emeric Tota für die „faz“ (27.Feb.). Kommt drauf an, welchen Blick man einnimmt. 1940 war doch noch vieles im Lot, wurde doch der Staat kontinuierlich ausgedehnt, weil andere fleißig kapitulierten. Und manche profitierten von diesen Getränk, weil es ihr Sortiment erweiterte und somit durchaus neue Kunden lockte. Doch Tota weiß, dass dieser Clip „zwangsläufig geschichtsvergessen und verharmlosend“ wirkt. Mal abgesehen davon, dass dieses hübsche BRAUNE Flaschen-Modell für den Retro-Look aus den 60er Jahren stammt, ist die Frage was geschichtsvergessen bedeutet? Dass jener Spot an die Erfindung bzw. den Ursprung jener Brause erinnert, die nun mal in dieser Zeit standfand. Und was ist verharmlosend, soll jetzt jedes Mal ein antifaschistischen Bekenntnis und eine Lobdudelei auf Toleranz, bunte Demokratie und Menschenrechte abgelegt werden, wenn ein Satellit ins All startet, ein Flugzeug sich in die Lüfte erhebt, ein Computer eingeschaltet oder der „Tag der Arbeit“ begangen wird, schließlich hatten damit – und noch mit unzähligen (Autobahnen) mehr – auch alles die Nationalsozialisten zu tun.

Aber Tota hat auch gleich eine Idee wie der Clip anders „politisch Korrekt“ eingeleitet werden könnte. So müsste es für ihn nicht heißen: „„Eine kurze Zeitreise in Sachen Phantasie“, sondern „eine phantastische Verblendung in Sachen Zeitreise“ lauten.“ Verblendung ist auch die Reduzierung jener Fanta auf die Zeit, ohne den Zusammenhang der Profitge­ne­rie­rung der Coca-Cola-Company zu berücksichtigen, welche Beispielsweise bis heute präsent ist (siehe Indien). Weiterhin sollte Tota seine eigne Verblendung überdenken, dass er an dieser Zeit krampfhaft festhält, die aber bekanntermaßen die journalistische Existenz sichert. Schließlich wird auch jede andere Kritik an dieser Demokratie sofort auf diese Zeit projiziert, ohne sich eben selbst kritisch zu fragen, ob dass eigene Denken nicht mehr jener Zeit entspricht als jenes des Fanta-Clips.

Aber nicht nur die „faz“ warnt vor der Limonade, auch die „Welt“ schlägt in die gleiche Kerbe. Dort äußert sich Michael Gassmann: „Die Tatsachen, dass Krieg und Autarkie-Bestreben des Nazi-Reiches einen gewissen Anteil an den Ursachen der Rohstoffknappheit hatten und dass die Zeit für allzu viele Menschen aus heutiger Sicht zwar alt ist, aber keinesfalls gut war, ersparen die Werbestrategen den heutigen Süßgetränke-Liebhabern vorsichtshalber. Es könnte ja das gute Gefühl beeinträchtigen.“

Richtig der Imperialismus des NS-Regimes sorgte für eine Rohstoffknappheit, doch wurde man gerade dadurch kreativ. Synthetischer Treibstoff, Kautschuk oder eben jene Brause stammen aus dieser Zeit, dies sollte man den Leuten in dem Video auch mitteilen und dann sollte man jene Menschen zu Wort kommen lassen, die in dieser Zeit litten (die es ohne Frage zahlreich gab). Es versteht sich aber von selbst, dass natürlich – wenn es nicht passen sollte – die andere Seite ausgeblendet wird. Das Video wird dann auf 30 bis 45 Minuten gestreckt und als Dokumentation angeboten, wenn es die nicht schon geben würde („Eiskalt – Coca Cola und das Dritte Reich“). Die Designer des Videos ersparen den Leuten zu viele Details, aber dies machen Zeitungen auch. Oft findet dort eine Reduzierung auf diese zwölf Jahre der deutschen Geschichte statt und dann wird sich ausgerechnet nur auf das Negative fokussiert. Könnten nicht gerade dadurch die Gefühle beeinträchtigt werden, weil weiter gehende Zusammenhänge ein Weltbild zum einstürzen bringen würden, in dem nicht mehr alles schön schwarz-weiß ist. Aber weil die Vergangenheit einem so grau erscheint, muss es heute richtig bunt werden, obwohl der Schaden im Verhältnis nicht zwingend geringer wäre, einem eben nur anders verkauft wird.

Beide Autoren haben sich der Lächerlichkeit preisgegeben, in dem sie wieder eine Verharmlosung der Geschichte in Form einer Brause herauf beschwören haben, was den Eindruck erweckt, als würde gerade dass „Vierte Reich“ seinen Machtantritt vollzogen haben und nun allen Bürgern eben jene Volksbrause anbieten. Es offenbart wie sehr die Journalistenzunft ihre Problemfelder einordnet. Auf der einen Seite eine harmlose Limonade (die Autoren kritisieren selbstverständlich keineswegs die Methode der heutigen Herstellung) und auf der anderen Seite ein immer schärfer werdender Ton gegenüber Russland, dem Ausblenden von Gewalt von bestimmten Subjekten oder die Verunglimpfung von Spaziergängern. Aber zum Glück gab es die zwölf Jahre, sonst würden einem immer die Ideen ausgehen. Aber in Zukunft sollte jedem der eine Fanta bestellt oder kauft sofort gedroht werden wie geschichtsvergessen er doch ist und dass er durch jenen Konsum einen „Völkermord“ begeht, obwohl er gerade dann mit jener Brause im Westen gut aufgehoben ist.

Noch eine paar Lesermeinungen aus der „Welt“: „Also ich werde nicht mehr auf die A1 Richtung Hamburg fahren, denn diese Strecke wurde ja 1936 in der nsdap Zeit gegründet. Bleibt meine Produktionskraft halt Zuhause.“

„Gerade habe ich mit einem Freund über diesen Artikel gesprochen. Er ist jetzt zutiefst betroffen, weil er jahrelang diese widerliche Nazibrause getrunken hat, ohne es zu wissen. Er denkt sogar an Selbstmord. Nur mit Mühe konnte ich ihn gerade noch vom Fensterbrett ziehen. Er ist vollkommen verstört. Ich habe ihm gerade erklärt, dass er nur auf die Ratifizierung von TIPP warten muss, denn dann kann er, über ein amerikanisches Gericht, diese widerlichen Nazis auf 10 Billionen Euro verklagen. Das hat ihn ein wenig beruhigt. Trotzdem muss er weiterhin mit dieser lebenslangen Schuld leben. Der Makel eines Fantatrinkers bleibt bestehen.“

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