Interview mit Heinz Buschkowsky

Auszüge aus einem Interview mit Heinz Buschkowsky, welches vor einigen Wochen in der „Zeit“ veröffentlicht wurde: „Mein Buchtitel Neukölln ist überall ist eine Botschaft an all diejenigen, die zu Haus im Sessel sitzen und nach einem Fernsehfilm über reale Lebensbedingungen sagen: „Gell Mutti, es ist schön, dass wir da nicht leben.“ Es ist die Aufforderung, sich doch einmal umzusehen im Nachbarkiez der eigenen Stadt wie zum Beispiel Kiel-Gaarden, Hamburg-Veddel, Bremerhaven, Duisburg-Marxloh, Dortmund-Nord, Essen-Katernberg, oder in anderen Städten wie Mannheim und vielen anderen mehr. Man trifft dort überall auf die gleichen oder sehr ähnliche Milieus: perfekte Parallelgesellschaften, in denen man die deutsche Sprache zur Alltagsbewältigung nicht benötigt und in denen unsere Lebensart als sündig verpönt ist. Hier gelten eigene Wertewelten, die mit den Prinzipien einer westlichen Demokratie wenig zu tun haben. In den überreligiösen muslimischen Gruppierungen sind sie sogar das Feindbild schlechthin.[…]

Jede Fehlentwicklung hat nur eine soziale Ursache, das ist die Standard-Wegducke. Nein: Es geht hier um Haltungen, Werte und tradierte Kulturriten. Ein feudales Patriarchat, die Vielehe, Akzeptanz von Gewalt innerhalb der Familie oder als Selbstjustiz, die Unterordnung der Frau als Lebewesen minderen Werts, all diese Dinge sind keine Folge des sozialen Status. Die Erziehung von Mädchen zur Reinheit, Keuschheit und zum unbedingten Gehorsam und die der Jungen zu Tapferkeit, zu Manneskraft und zu Kampfesmut stehen mit dem Menschenbild unserer Gesellschaft auf Kollisionskurs. Das Heranführen an ein selbstbestimmtes Leben und Chancengerechtigkeit für jeden – auch für Mädchen – sehen anders aus. Noch absurder ist der Satz, der Islamismus hat mit dem Islam nichts zu tun. Die Behauptung, „Mit ein paar Sozialarbeitern und etwas Geldverteilen kriegen wir das in Griff!“ – die ist schon recht naiv.[…]

ZEIT: Ist das Urteil des Bundesverfassungsgerichts, mit dem das allgemeine Kopftuchverbot aufgehoben wurde, Fluch oder Segen?[…]

Hier geht es um staatliches Handeln. Dieses Urteil legt die Axt an eine Grundfeste unserer säkularen Gesellschaft, die da sagt: Der Staat muss allen Menschen gleich begegnen, egal, welcher Weltanschauung sie sind. Diese Wertneutralität hat das Bundesverfassungsgericht jetzt aufgegeben. Es sagt, die Neutralität des Staates hat keine normative Wirkung, sondern ist eher eine offene Haltung. Das ist die Degradierung in die Beliebigkeit. Der Druck auf die modernen Muslime im Sozialraum wird weiter zunehmen. Wegziehen oder mit den Wölfen heulen ist die Alternative. Viele ziehen heute schon weg. Deswegen gewinnt der Fundamentalismus immer mehr Raum. Für Mädchen ist die Botschaft klar: „Oma trägt Kopftuch, Mutter trägt es und die Lehrerin auch – also ist doch klar, was man von mir erwartet.“ Für mich ist wie für die Mehrheit der Muslime das Kopftuch auch kein religiöses Symbol. Es ist das Besitzzeichen des Mannes. Heute reden wir von Lehrerinnen, morgen von Richterinnen, Polizistinnen und anderen Berufen der staatlichen Gewalt. In einem hat das Gericht recht: Man kann nicht Kruzifixe in Klassenzimmer hängen und Kopftücher verbieten.“

Auf „Pegida“:
„Also wenn jemand Pegida angegriffen hat, dann war das Frau Fahimi [Gesprächspartnerin im „Zeit“-Interview]. Sie hat 25.000 Menschen einfach mal für nicht gesprächswürdig erklärt. Der Justizminister empfand die Demonstranten als Schande für Deutschland, und die Kanzlerin empfahl, vom Demonstrationsrecht keinen Gebrauch mehr zu machen. Da fehlt mir jedes Verständnis für. Das ist auch eine Form von Unkultur.[…]

Wir haben keine Probleme mit Flüchtlingen in Neukölln. Wenn bei uns eine Sammelunterkunft eingerichtet werden soll, fangen die Gutwilligen an, Babysachen für die Familien aus Syrien zu stricken. Und dann kommen stattdessen junge Männer aus Afrika. Das ist schwer zu vermitteln. Daraus entsteht dann so etwas wie Pegida. Unsere Antwort kann doch aber nicht lauten, wie machen wir die Menschen am schnellsten mundtot. Unsere Aufgabe muss doch sein, ihnen ihre Angst zu nehmen.“

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