Eine notwendige moralische Wiederbewaffnung

Die jüngsten Forderungen der sozialistischen Regierung Tsipras an Deutschland über rund 279 Milliarden Euro „Reparationen“ kommen zu einem interessanten Zeitpunkt. Vor siebzig Jahren wurde Deutschland vom gemeinsamen Ansturm der alliierten Armeen aus Ost und West überrannt und das Volk unaussprechlichen Greueltaten ausgesetzt, insbesondere im Osten, wo sich die Rote Armee vergewaltigend und mordend ihren Vormarschweg bahnte.

Im kommenden Monat wird auch die 70-Jahr-Feier des Kriegsendes in Europa stattfinden – die letzte dieser Jubiläumsfeiern, an der noch eine beachtenswerte Anzahl von Veteranen teilnehmen können wird. Dementsprechend können wir mit allerlei Zeremonien, Reden und Fernsehsendungen darüber rechnen, was als müheloser Triumph des „Guten“ über das „Böse“ präsentiert werden wird.

Insbesondere können wir uns darauf einstellen, den Friedensfürsten und Gralsritter moralischer Tugend Wladimir Putin die heroische Rolle bejubeln zu sehen, die die ebenso friedfertige und tugendhafte Rote Armee bei der Niederwerfung des „einzigartigen Bösen“ des Nationalsozialismus gespielt hat. Russia Today wird wahrscheinlich freidrehen und könnte sogar schmelzen wie ein übersteuerter Teilchenbeschleuniger, um ein Loch im Raum-Zeit-Kontinuum zu schaffen – hin zu einem Paralleluniversum, in dem Stalin tatsächlich der good guy war.

Während wir mit schlecht geschriebenen und emotional manipulativen Beiträgen überhäuft werden (die uns vom Sieg des „demokratischen Geists“ erzählen wollen, und daß die Millionen Gefallenen im Kampf gegen Deutschland ausgezogen waren, weil sie implizit an Masseneinwanderung und die Homoehe glaubten), werden die Greuel und Unmenschlichkeiten der Alliierten keine Erwähnung finden – die Massenvergewaltigungen, die Feuerstürme, die Mißhandlungen Kriegsgefangener, die Zwangsumsiedelung dadurch todgeweihter russischer Kosaken und der Deutschland aufgezwungene Nachkriegshunger, der Millionen Opfer forderte.

Stattdessen werden wir bestimmt wieder und wieder die alten, wenig abgenutzten und gesetzlich geschützten Geschichten vom Holocaust hören. Die wird man abstauben und auswalzen, um sicherzugehen, daß wir den richtigen Gefühlsmix aus moralischer Euphorie und blasierter Selbstsicherheit dem gegenüber empfinden, was in Wahrheit komplexe und vielschichtige geschichtliche Ereignisse wahren. Es wird auch niemand wagen, auf die außerordentlich bedeutsame Tatsache hinzuweisen, daß die Massentötungen unter nationalsozialistischer Herrschaft unter dem Druck des größten und schrecklichsten Krieges aller Zeiten geschahen, während unsere „edlen“ russischen Alliierten es fertiggebracht haben, Millionen Unschuldiger nicht etwa im Chaos von Krieg oder Revolution, sondern mitten im Frieden umzubringen.

Während wir durch diese lauwarme Jauchegrube voller Weltkriegstriumphalismus waten, wird erkennbar werden, wie sehr Deutschland – die größte Volkswirtschaft und das Herz Europas – moralisch entwaffnet und seiner Geschichte im 20. Jahrhundert beraubt worden ist. Alle aufklingenden deutschen Stimmen werden das vergangene Böse ihres Landes betonen und Dankbarkeit für seine brutale „Befreiung“ zum Ausdruck bringen, selbst wenn diese es durch Bomber Harris und die Rote Armee ereilte.

Wie Brennus, der gallische Heerführer, nach der Eroberung Roms sprichwörtlich sagte: „Vae victis“, Wehe den Besiegten. Ja, die Deutschen waren am Ende die Verlierer, obwohl sie absolut und um Längen die beste Militärmacht Europas waren, und wir wissen alle, wer die Geschichte schreibt. Sollte es uns also überhaupt kümmern, gerade wo doch die modernen Deutschen so wenig tun, den Narrativ geradezurücken? Hatten sie nicht vielleicht recht damit, die Periode von 1914 bis 1945 als verschwendete Zeit abzuschreiben?

Für 1945 und die Nachkriegsjahre könnte man ins Feld führen, daß Deutschland wenig anderes übrigblieb, als den Siegern und ihrer Version der Ereignisse entgegenzukommen. Man hatte alles in den Krieg geworfen, so daß nichts mehr übrig war, worum man hätte feilschen können. Der Krieg war total gewesen, so war nun auch die Niederlage. Deshalb mußte auch die Kapitulation eine totale sein. Um der Auslöschung zu entgehen, mußten die Deutschen den Narrativ der Sieger akzeptieren. Hätten sie das nicht getan, wäre sehr wahrscheinlich der Morgenthauplan oder etwas ähnliches wieder hervorgeholt worden.

Widerstand gegen den Mythos vom absoluten Bösen Deutschland hätte die Besatzung nur verlängert und vertieft und den Nachkriegsboom des Landes gefährdet. Er hätte auch die Wiederannäherung an die europäischen Nachbarn und die Begründung der Europäischen Union extrem heikel gemacht. Pragmatisch gesehen gab es allen Grund für Deutschland, zu buckeln und sich innerhalb der Nachkriegsordnung herumschubsen zu lassen: »Ja, mea culpa, wir haben uns geirrt. Es tut uns leid… Wie wäre es jetzt mit einem VW Käfer?«

Was hätte man auch erwarten sollen, wie lange es dauern würde? Früheren Erfahrungen nach zu urteilen, nur ein paar Jahre. Hier sind wir aber nun, 70 Jahre später, und es sind nicht nur die Sieger, die Deutschland am Gängelband führen, oder die Israelis mit ihrer privilegierten Stellung. Es sind auch kleine Fische wie Griechenland, ein Land, das in der Nachkriegszeit seine eigene abgespeckte Version des Jahrhundertkampfes zwischen Kommunismus und Faschismus durchlebte, nur um als bankrotter, sozialdemokratisch-kapitalistischer Staat im 21. Jahrhundert zu erwachen, der von Kulturmarxisten geführt wird, die davor zurückschrecken, eine echt marxistische Wirtschaftspolitik einzuführen. Angetrieben von einer Mischung aus ökonomischer Nutzlosigkeit und Euro-Parasitismus, hat sich dieses Land verspätet an Deutschlands geschichtlichem blinden Fleck hochgezogen – in der Hoffnung, etwas Geld herausschlagen oder zumindest ein „moralisches“ Gegengewicht zu Deutschlands Säumnisforderungen bilden zu können.

Warum verlangt die griechische Regierung jetzt 279 Milliarden Euro? Ganz einfach: weil sie es kann und weil sie es muß.

Als Deutschland seinen Kriegsgegnern ein praktisches Monopol auf den historischen Narrativ einräumte, vergab es im Grunde einen moralischen Blankoscheck, den die Sieger zu jeder Zeit ausfüllen und einlösen konnten. Während des Kalten Krieges waren die Westmächte darauf angewiesen, den guten Willen der Deutschen anzuregen und die NATO zu stärken, weshalb sie sich bemühten, das Privileg nicht zu überstrapazieren. Demgegenüber benutzte die Sowjetunion das ihrige, um die Existenz ihres ostdeutschen Zombiestaats über 40 Jahre hinweg zu rechtfertigen. Niemand hatte je damit gerechnet, daß die Griechen anhand dieser moralischen carte blanche „Reparationen“ verlangen würden, lange nachdem die allermeisten Kriegsbeteiligten verstorben sind.

Einer einfachen Regel folgend, sollten Reparationen – wenn man davon ausgeht, daß so etwas im Völkerrecht überhaupt existiert – vom Besiegten in den Jahren unmittelbar nach dem Konflikt an den Sieger gezahlt werden. Von diesem Prinzip abzuweichen eröffnet alle möglichen problematischen Entwicklungen, da die meisten Länder zu dieser oder jener Zeit andere angegriffen, besetzt und unterjocht haben. Einem jeden Land zu gestatten, zu jeder Zeit Reparationen von jedem anderen Land, das ihm einmal etwas getan hat, zu verlangen – bedeutet deshalb die Abschaffung des Unterschieds zwischen Frieden und Krieg und ist ein Rezept für weltweites Chaos.

Außerdem steckt in diesen Forderungen eine himmelschreiende Ungerechtigkeit. Während es für die Griechen kaum angenehm gewesen sein kann, von den Deutschen erobert und dann vorrangig von ihren italienischen Verbündeten besetzt zu werden, so wurden sie keineswegs schlechter und in Wirklichkeit deutlich besser behandelt als viele andere im Verlauf des 20. Jahrhunderts besetzte europäische Länder. Wenn Griechenland für vier Jahre verhältnismäßig milder Okkupation durch die Achsenmächte 279 Milliarden Euro verlangen kann, was schuldet Rußland dann Estland, Lettland und Litauen für ihre fünfzigjährige Besatzung?

Man könnte auch die Tatsache anführen, daß die Griechen von den Türken wesentlich schlechter behandelt wurden. Noch in den 1920ern wurden Millionen Griechen vom kemalistischen Staat unter Zwang ausgewiesen, wobei sie den Großteil ihres Wohlstands und Besitzes verloren. Sollte Griechenland dort Reparationen verlangen? Natürlich werden sie das nicht tun. Obwohl sie den Völkermord an den Armeniern beging, dessen Beginn sich just in diesem Monat zum hundertsten Mal jährt, ist die Türkei ein um die Verteidigung seines historischen Narrativs sehr bemühtes Land und nicht bereit, sich den Blickwinkel auf ihre Vergangenheit diktieren zu lassen.

Gleiches sehen wir in Putins Rußland, das seine stalinistische Vergangenheit ebenso feiert wie seine zaristische. Auch China ziert sich nicht, einen moralisierenden historischen Narrativ zu befördern, der allein chinesischer Macht dient. Von einem objektiven Standpunkt aus mag es seltsam erscheinen, daß China sich weitaus intensiver mit den zehntausenden Opfern der japanischen Eroberung von Nanking beschäftigt, als mit den zig Millionen Toten unter der kommunistischen Herrschaft selbst.

Auch Japan hat sich bemüht, einen positiven Eindruck von seiner Vergangenheit zu erhalten – obgleich es den Status als „Achsen-Paria“ mit Deutschland teilt. Militär- und Regierungsangehörige, die von den Besatzungsbehörden als „Kriegsverbrecher“ verurteilt wurden, haben mit Yasukuni-jinja ihren eigenen Schrein, und Geschichtsbücher werden umgeschrieben, um Japans Handlungen moralisch akzeptabler erscheinen zu lassen.

Diese Länder – Türkei, Rußland, China und Japan – wissen, daß es bei nationaler Geschichte weniger um Wahrheit als den Ausdruck eines Existenzwillens geht. Deswegen ist der griechische Versuch einer moralischen Erpressung nützlich, denn er erinnert uns nicht nur daran, daß Deutschland seine Vergangenheit zu lange vernachlässigt hat, sondern weist auch auf die Folgen eines derartigen moralischen Pazifismus und historischen Masochismus hin.

In der Vergangenheit mag es den Interessen der mächtigen Exportindustrie Nachkriegsdeutschlands gedient haben, solch eine negative Charakterisierung der vorangegangenen Epoche zu pflegen, und es ist wahrscheinlich, daß diese Attitüde zu Deutschlands kolossalem wirtschaftlichen Erfolg beitrug. Aber während Deutschland auf diesem Wege eine wirtschaftliche und politische (dies zumindest ein Stück weit) Vormachtstellung erlangte, hat es sich auch selbst zur leichten Beute gemacht, etwa wie die Unvollständigkeit der Maginotlinie die französische Flanke für einen vernichtenden Angriff offenließ.

Deutschlands ökonomische Macht hat einen großen und offenkundigen Schwachpunkt – die gefährliche moralische Abrüstung und geringe Selbstsicherheit des Landes. Wie Tsipras‘ Verhalten zeigt, kann jedes willige Land das moderne Deutschland mühelos beleidigen und verleumden.

So steht nicht nur Deutschland schwach da, sondern auch Europa, denn Deutschland bildet das Herz des Kontinents und ist sein wichtigstes Land. Ein moralisch geschwächtes Deutschland, das sich seiner Vergangenheit schämt und glaubt, einzigartig böse zu sein, bedeutet eine Leere im Herzen Europas. Um dies zu vermeiden, muß Deutschland nicht einmal über seine Geschichte lügen, wie es die Türkei und Rußland so offensichtlich tun. Es kann sich die Schwierigkeiten ersparen, einen positiven Mythos zu schaffen. Stattdessen ist der negative Mythos so extrem negativ, daß schon die Rückkehr zu einem objektiven und angemessenen Blick auf die Geschichte den deutschen Sinn für moralische Wertigkeit immens wiederaufrichten kann.

Aus diesem Grund ist es für Deutschland Zeit, mit den Entschuldigungen aufzuhören und sich von Leuten vom Schlage Zipras‘ mit ihren verspäteten und insolventen Forderungen nicht länger ans Schienbein treten zu lassen. Es ist Zeit, daß Deutschland seine Geschichte und die seiner Rivalen mit einem Gespür für Objektivität und Ausgewogenheit betrachtet. Es ist Zeit, daß Deutschland sich selbst nicht länger durch den Filter der Kriegspropaganda seiner Feinde sieht – nicht, weil jene Generation ausgestorben ist, sondern weil jene Vorstellung von Deutschland immer schon falsch und einseitig war. Es ist Zeit, daß man die Idee, Deutschland sei das einzige „einzigartig böse“ Land in der Weltgeschichte, mit dem Bulldozer in eine Grube schiebt und mit Ätzkalk bedeckt.

Wenn Tsipras‘ unangebrachte und haltlose Forderungen dabei helfen können, die Deutschen in diese Richtung zu schieben, dann könnten seine geforderten Milliarden ein lohnender Preis sein.

Quelle, der Originaltext stammt von Colin Liddell, Nils Wegner, von der „Sezession“, hat sich die Mühe der Übersetzung, dieses sehr guten Textes, gemacht. Danke dafür!

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s