Warum die Links-rechts-Unterscheidung letztlich nur den herrschenden Eliten nutzt

„Die Darstellung des politischen Spektrums auf einer Links-rechts-Skala ist eine gerade für differenziert denkende Menschen unbefriedigende Vereinfachung: Politische Ideologien sind vieldimensionale Gebilde, die sich nicht ohne Informationsverlust eindimensional abbilden lassen.

Angesichts der gezielt herbeigeführten Stigmatisierung des Begriffs „rechts“ ist auch nachvollziehbar, daß es für manchen auf der politischen Rechten eine Versuchung ist, dieses Stigma dadurch loszuwerden, daß er das ganze Kategoriensystem verwirft: Da ist man eben „nicht links und nicht rechts“, sondern „vorn“, „ideologiefrei“, „dem gesunden Menschenverstand verpflichtet“ usw. Verlautbarungen etwa der AfD wimmeln nur so von derlei Floskeln.

Das Ziel, sich das Etikett „rechts“ vom Hals zu schaffen, erreicht man auf diese Weise selbstverständlich nicht. Im Gegenteil lädt man die amtlichen und nichtamtlichen Hexenjäger der Bundesrepublik Deutschland geradezu ein, nach Beweisen für rechte Gesinnung zu fahnden, und selbstverständlich werden besagte Hexenjäger stets fündig.

Dabei ist es nicht nur feige, sondern auch dumm, sich vor dem Etikett „rechts“ zu fürchten. Man gibt damit nämlich den Kampf um die Deutungshoheit auf: Rechts sein heißt zu fragen, wie die Welt wirklich ist und worauf sie beruht, heißt zu fragen, wie man den Absturz in die Barbarei verhindern kann. Links sein heißt, davon auszugehen, wie die Welt sein soll und wie man das Paradies auf Erden verwirklichen kann. Rechts sein heißt daher, die Strukturen zu bewahren, auf denen die Zivilisation beruht, links sein heißt, sie zu zerstören. Der Rechte denkt von der Erfahrung, der Linke von der Utopie her – beim Kampf um die Deutungshoheit hat die Rechte nichts zu verlieren, aber viel zu gewinnen.

Und dennoch haben diejenigen recht, die die Links-rechts-Unterscheidung als unbefriedigend empfinden: So notwendig sie ist, sowenig ist sie ausreichend. Links sein heißt nämlich auch, herrschaftskritisch zu denken, und in einer Zeit, in der die Zerstörung stabilisierender Strukturen – von Völkern, Nationalstaaten, Religion und Familie – von den herrschenden Eliten ausgeht, ist derjenige, der nur rechts und nicht auch ein bißchen links (im Sinne von „herrschaftskritisch“) ist, nicht wirklich rechts. Umgekehrt ist ein Linker, der nur links ist – und deswegen nicht wahrnimmt, welches Widerstandspotential gegen die Diktatur einer globalen Geldmachtelite gerade in traditionellen Bindungen und Strukturen steckt –, der also nur links und nicht auch ein bißchen rechts ist, nicht wirklich links.

Die Unterscheidung von links und rechts als vorherrschendes oder gar alleiniges Kriterium der Definition politischer Frontverläufe führt zu einer systematisch verzerrten Darstellung der politischen Topographie westlicher Gesellschaften. Alle klassischen Richtungen politischen Denkens – die linke, die liberale, die konservative – sind innerhalb der politischen Klasse, das heißt unter den Sachwaltern der Interessen global vernetzter Eliten, vertreten, stehen aber alle für dieselbe Politik, und ihre Bezeichnungen als „links“, „rechts“ oder „konservativ“ benennen bloß phraseologische Unterschiede bei deren Bemäntelung: Wer etwa einen Krieg anzetteln will und zu diesem Zweck die Loyalität breiter, politisch aber heterogener Massen braucht, erzählt den Linken und Liberalen, es gehe um Menschenrechte; konservativen Freunden von Recht und Ordnung wird dagegen versichert, es gehe um den „War on Terror“. Wer Internetzensur will, propagiert je nach Zielgruppe den Kampf gegen Kriminalität oder den Kampf gegen rechts. So bringt man die Anhänger gegensätzlicher politischer Richtungen dazu, aus unterschiedlichen und sogar entgegensetzten Gründen dieselbe Politik zu unterstützen.

Politisch relevanter als der Gegensatz zwischen links und rechts ist der zwischen Zentrum und Peripherie, zwischen Establishment und Opposition. Das herrschende Machtkartell kann nur von rechts oder nur von links nicht wirksam unter Druck gesetzt werden, solange eine der beiden oppositionellen Richtungen sich vom Establishment gegen die andere einspannen läßt. Eine Zangenbewegung dagegen könnte dessen Handlungsspielraum empfindlich einengen.

Man sollte nicht übersehen, daß es innerhalb der Linken eine – wenngleich kleine – Fraktion gibt, die sich dieser Zusammenhänge bewußt und gegenüber der oppositionellen Rechten bemerkenswert vorurteilsfrei ist. Man sollte hellhörig werden, wenn die herrschenden Eliten plötzlich den Kampf gegen den Linksextremismus auf die Tagesordnung setzen. Und auf keinen Fall sollte irgend jemand, der sich selbst als rechts versteht, der Versuchung nachgeben, nach dem Sankt-Florians-Prinzip ins Horn dieser Eliten zu blasen.“

Von Manfred Kleine-Hartlage, Quelle.

Streckenweise macht der Text den Eindruck, als würde Kleine-Hartlage vergessen, dass weite Teile der „Linken“ bereits fester Bestandteil des Systems sind und von diesen eben keine Querfront erwünscht ist. Die „Linke“ muss auch auf die „Rechte“ zugehen, nicht immer nur umgekehrt.

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