Kontrolliert wird flächendeckend

Regionalzeitungen machen außerhalb ihres Verbreitungsgebiets nicht viel von sich reden. Um so spektakulärer ist die bundesweite Resonanz, die jetzt eine Ratgeber-Kolumne in dem in Bielefeld erscheinenden Westfalen-Blatt gefunden hat. Ein Vater hatte dort angefragt, ob er seinen sechs- und achtjährigen Töchtern zumuten könne, auf der Hochzeit seines homosexuellen Bruders und dessen Partner – die er beide sehr schätze – Blumen zu streuen. Er fürchte, die Kleinen zu irritieren. Die pragmatische Antwort der Kolumnistin lautete sinngemäß: Dann lassen Sie es lieber!

In den sozialen Netzwerken von Facebook und Twitter brach daraufhin ein Shitstorm los. Initiator war die Plattform Queer.de (Queer – das schwul-lesbische Magazin), der Vorwurf lautete Homophobie, also Verstoß gegen die Politische Korrektheit. Der Chefredakteur des Westfalen-Blattes bedauerte umgehend in einer Erklärung, „Gefühle verletzt (zu) haben“, und die geschockte Kummerkasten-Tante verteidigte sich, sie habe lediglich einen Rat für „eine ganz konkrete Lebenssituation“, aber keine „generelle Handlungsempfehlung“ gegeben.

Es half ihnen nichts, der Wutsturm ebbte nicht ab. Daraufhin schob der Chefredakteur eine zweite, „sehr selbstkritische“ Erklärung nach, in der von „einer gravierenden journalistischen Fehlleistung“ die Rede ist, welche „die Redaktion in vollem Umfang zu verantworten hat“. Außerdem habe das Westfalen-Blatt die freie Mitarbeit der Kolumnistin beendet.

„Totalitäre Methoden“

Ein Vorgang, der in mehrerlei Hinsicht exemplarisch ist und zunächst eine Betrachtung auf der Zeitachse verdient. Als 1965 Caspar von Schrenck-Notzings Buch „Charakterwäsche“ erschien, das sich mit der in US-Denkfabriken konzipierten Umerziehung der Deutschen beschäftigte, einigten die großen Medien sich auf eine Verschwörung des Schweigens.

Eine Ausnahme bildete die FAZ, wo die eigenwillige Margret Boveri sich gegen solche „totalitäre Methoden“ verwahrte. Eine echte Gegenöffentlichkeit formierte sich in den Lokal- und Regionalzeitungen, die alteingesessenen Verlegern gehörten und die sich der informellen Meinungssteuerung entzogen.

Fünfzig Jahre danach ist diese Nische geschlossen. Wo trotzdem versehentlich eine Meinung erscheint, die sich als Abweichung deuten läßt, wird sie aufgespürt und ihr Urheber niedergemacht. Die Kontrolle ist flächendeckend! Die technischen Voraussetzungen dafür bietet das Internet. Sein Siegeszug wurde anfangs als ein uneingeschränktes Freiheitsversprechen verstanden; inzwischen hat es sich auch zu einem Medium der Überwachung und Bestrafung entwickelt.

Entscheidend ist, wessen „Gefühle verletzt“ werden

Exemplarisch ist die Argumentation des Chefredakteurs: Entscheidend ist nicht, ob eine Aussage wahr oder falsch, ob sie empirisch belastbar oder Nonsens ist, sondern ob sie „Gefühle verletzt“. Nun sind Gefühle etwas Subjektives, weshalb es unmöglich ist, genau zu bestimmen, wo Verletzungen anfangen, und sämtlichen Eventualitäten vorzubeugen. Deshalb ist sozialer Takt gefragt. Man sollte nach bestem Wissen und Gewissen zu vermeiden versuchen, andere zu beleidigen, und andererseits nicht ständig die beleidigte Leberwurst spielen.

In den Medien werden übrigens tagtäglich Menschen beleidigt, verhöhnt, gedemütigt, an den Pranger gestellt, und zwar mit voller Absicht. Schutzwürdig ist nur, wessen Anliegen, Meinung oder Lebensweise politisch-ideologisch willkommen ist oder wer über ein glaubhaftes Drohpotential verfügt. Für diese Personengruppen ist das demonstrative Beleidigtsein zum probaten Machtmittel geworden.

Gemeinheit verbindet sich mit ideologischem Sendungsbewußtsein

Die Anonymität des Netzes und die Moralisierung öffentlicher Diskurse zieht Charaktere an, bei denen sich Gemeinheit mit ideologischem Sendungsbewußtsein verbindet und die ihre Anerkennung und Bestätigung aus der Demütigung und Herabsetzung anderer beziehen. Viele halten nicht einmal mehr die Anonymität für nötig, denn jene Verhaltensweisen, die an Stasi-IMs zu Recht verabscheut werden, gelten als respektabel und werden belohnt, wenn sie unter politisch opportunen Vorzeichen ausgelebt werden.

Der Grünen-Politiker Volker Beck ließ es sich nicht nehmen, via Twitter seine Freude über die Entlassung und soziale Degradierung der Kolumnistin mitzuteilen. Auch das ist kein Zufall. Beck, ein Studienabbrecher, heuerte 1987 als Schwulenreferent der grünen Bundestagsfraktion an. Die sexuelle Orientierung wurde zum Ausgangspunkt seiner politischen Karriere und des sozialen Aufstiegs. Namens der vermeintlich Erniedrigten und Beleidigten befindet er sich in der politischen Daueroffensive, ohne Widerspruch fürchten zu müssen, weil dieser sofort als Homophobie ausgelegt würde.

Es ist verständlich, daß er genau darüber wacht, daß dieses Privileg, das seine politische und soziale Existenzgrundlage darstellt, von niemand auch nur andeutungsweise in Frage gestellt wird. Hier zeigt sich, daß die Emanzipation von Minderheiten und die Verflüssigung von Traditionen und überkommener Stereotypen die Gesellschaft keineswegs freundlicher und zwangloser gemacht haben. Vielmehr hat der Zwang sich auf andere Bereiche verlagert und teilweise noch verschärft.

Intellektuell verbrämte Pöbelherrschaft

Die Konstellationen, in denen sich politische, ideologische und materielle Interessen auf stetig absinkendem Niveau unmittelbar miteinander verbinden, werden zunehmen und das Meinungsklima künftig noch stickiger machen. Es etabliert sich eine intellektuell verbrämte, institutionalisierte Pöbelherrschaft. Die Opfer eines Shitstorms werden diesen nicht so leicht ignorieren können wie den Werbemüll, den man täglich aus Briefkästen und Spamordnern ungelesen entsorgt.

Elisabeth Noelle-Neumann benutzte in ihrem Klassiker „Die Schweigespirale“ den Begriff der „sozialen Haut“, die einen spüren läßt, wenn eine Meinung zur sozialen Isolation und noch Schlimmerem führt. Im aktuellen Fall geht es gar nicht so sehr um die Furcht vor einer konkreten Homo-Lobby, sondern darum, daß diese Lobby als Vorfeldorganisation oder Medium staatlicher oder überstaatlicher Mächte beziehungsweise Machtstrukturen empfunden wird, die an einem großen Umbau der Gesellschaft arbeiten und deren Handlungsanweisungen man sich besser nicht widersetzt.

von Thorsten Hinz

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