Wer sich distanziert verliert? Ein paar Gedanken

Martin Sellner geht auf der Seite „Kontrakultur“ der Frage nach: „Wer sich distanziert verliert?“ Ist diese Distanz immer notwendig? Manchmal sicherlich und doch hinkt es irgendwie, weil es wirkt als wolle Sellner den „Nazi“-Begriff, bestimmten Leuten andichten, den er von der herrschenden Hegemonie übernimmt. Ein paar Gedanken:

Anfangs wird ein Beispiel abgeliefert warum Abgrenzung von manchen wichtig ist und sicherlich möchte man nicht mehr mit bestimmten Menschen auf der Straße stehen, die dem Prototyp eines „rechten“ bierbauchigen Schlägers entsprechen und von Hitler schwadronieren. Mir sind dabei Nipster im Auftreten zwar lieber, als Latte macchiato schlürfende „Rechte“, dennoch sind beide Bilder begrüßenswert, weil man schließlich seit Jahren für ein anderes Auftreten kämpft und auch inhaltlich hat sich schon vieles zum guten gewandelt. Der Gegner setzte aber immer seine gleiche Schablone darüber. Beim Beispiel kann es geklappt haben, aber man kann sich bei einem Querschnitt der Bevölkerung (siehe Pegida) auch nicht alles auszusuchen und dort war vieles vertreten.

In Wien mag es teilweise anders sein, aber wenn man sich Berlin oder westliche Großstädte wie Frankfurt am Main in der BRD anschaut, kann man die Radikalisierung einiger Menschen schon verstehen, genauso warum Menschen im Osten Deutschlands, so stark auf Flüchtlinge reagieren, wenn man das Bild dieser Städte im Kopf hat und dazu noch Äußerungen wie: „Der Osten ist zu Weiß“ zu hören bekommt und damit im Grund meint, er ist zu braun, dort gibt es noch zu viele Deutsche, also macht was dagegen und sorgt für einen „Bevölkerungsaustausch“.

Die Phrase der Tradition des NS ist auch nicht verständlich, was soll damit gemeint sein, ist ein positives Zitieren von Ernst Niekisch schon NS? Oder das Verwenden des Begriffes Rasse? Wer hieraus eine Wertung von besser oder schlechter ableiten will, kann sich dies sparen. Oder sind positive Worte von Menschen wie Arne Schimmer schon soviel des Guten? Der politischen Gegner stört es ohnehin nicht wie sehr sich von irgendwas distanziert wird, weil sein Bild steht fest. Den Beweis liefert die Argumentation von Antideutschen aus der Alpen-Donau Region: „Ethnopluralismus wird von den Identitären nur propagiert, sofern es nicht um das konstruierte Kollektiv »Islam« geht. Hier ist eine deutliche Geringschätzung einer »muslimischen Kultur« bemerkbar, die sich vom vermeintlich ethnopluralistischen Ideal der »verschiedenen Kulturen, die alle erhaltenswert sind«, entfernt.“ (http://www.jungewelt.de/2015/07-13/004.php) Übrigens ist Ethnopluralismus auch so ein verbrannter Begriff und wird in der Politikwissenschaft oft negativ ausgelegt.

„Wer sich distanziere, würde sich „automatisch“ den Begrifflichkeiten und der moralischen Hegemonie des Gegners unterwerfen, würde „in seinem Spiel mitspielen“. Diese Behauptung ist ein Mythos. Sie ist inhaltlich falsch und zeugt von einem Missverständnis der Macht von Sprache und der Aufgabe einer Metapolitik“, schreibt Sellner. Jeder Mythos hat einen wahren Kern (Assmann) und hier ist es der, die moralische Hegemonie des Gegners zu übernehmen, weil die „Linke“ die „Dominanz“ von Begriffen besitzt.

Später heißt es auch dazu so treffend von Sellner selbst: „Ein emsiges Heer an linken Schreibern und Medienmachern arbeitet jeden Tag mit Bienenfleiß daran, ihren Geltungsbereich [den von Begriffen wie Antisemitismus (oft Gleichgesetz mit Israelkritik und Zionismus, der israelische Soziologe Moshe Zuckermann verbietet sich sowas) oder AntiRassismus (ein Code-Wort für Rassismus gegen Weiße, neulich erst wieder in Frankreich, https://jungefreiheit.de/politik/ausland/2015/die-franzoesinnen-den-afrikanern/)] weiter auszudehnen. Sie wollen mehr und mehr „unsagbar“ machen und die gesamten rechten Zusammenhänge mit dem „Nazi-Etikett“ versehen.“ Es wird genannt und auch erkannt und trotzdem der falsche Schluss abgeleitet.

Aus taktischen Gründen sich der Argumentation des Gegner zu bedienen, diese sogar zu studieren und gegen sie zu verwenden, kann und sollte man machen, doch wie so oft zeigt sich nur, dass die herrschende Klasse und ihre assoziierenden Sichten ihre Festung selbst unter Trümern nicht verlassen würden (Gramsci). Deren „Nazi-Keulen“ werden auf jeden Kritiker des Multikulturalismus angewandt, manchmal auch in anderer Form. Sascha Lobo hat Anfang des Jahres von „Latenznazi“ geschrieben, Leute die Nazis sind, ohne zu wissen das sie es sind: „Denn „der unbewusst Rechtsextreme oder Latenznazi“ vertritt „rechtsextreme Positionen […] ohne zu wissen oder wissen zu wollen, dass sie rechtsextrem sind.““ Da bringt auch keine Anwendung und Beschränkung auf Parteien und Bewegung etwas, weil die Unterscheidung eines Think Tank, welches Teil einer Bewegung ist bzw. sein sollte, wird auch nicht ersichtlich.

„Es stimmt: wer die Begriffe und die Regeln eines Diskurses bestimmt, hat auch einen gewaltigen Einfluss auf Denken und Taten. Er bestimmt die „moralische Schwerkraft“, nach der sich die Leute gerade wenn sie „unbewusst“ reden und agieren, automatisch ausrichten.“ Und gerade „die Linke [hat] ein ganzes Arsenal an negativ konnotierten Begriffen in Stellung gebracht.“ Daraus folgt richtig: Dass ein gewisser „Distanzierungsdruck“ von diesen Teilen der dominieren Klasse verlangt wird. Die dann selbstverständlich jedem Menschen mit Charakter zu wider bzw. mit „Ekel“ verbunden sind.

Doch wird sich hier, ganz im Sinn des Systems, von den Ewiggestrigen abgrenzt, einer Handvoll NPDlern, Mitgliedern aus „Die Rechte“ und einzelne Spinner, die Ausgegrenzten des Systems, die Sündenböcke, denn auch die IB braucht diese scheinbar, um ihre Legitimation zu erhalten, ohne diesen Rand würde sie ihn schließlich einnehmen und wäre das einzige „Nazi“-Bild der „linken“ Presse.

Es ist falsch (auch wenn Sellner das Gegenteil betont) anzunehmen, nur weil es welche gibt die sich zum NS bekennen – es gab unterschiedliche Flügel, Teile davon könnte und andere davon hat man unbewusst in die moderne überführt und andere wissen wahrscheinlich wirklich nicht, dass sich durch ihr Verhalten oft selbst in jenem System keine Zukunft gehabt hätten – und von den man sich dann fleißig distanziert, würde man nicht mit diesen Gruppen in Verbindung gebracht werden. Man kann sich von diesen Abgrenzen und könnte sich auf Anarchisten beziehen und auch an diesen orientieren, die Vorwürf sind immer die Gleichen (kann man auch in alten Fahnenträger-Ausgaben nachlesen). Die Unfähigkeit dies zu begreifen sticht aus dem Text hervor, aber vielleicht ist es in Wien anders.

„Eine klare Profilierung und kämpferische Positionierung ist der goldene Mittelweg zwischen apodiktischer Distanzierungsverweigerung und vorauseilendem Gehorsam. Es ist genau das, wovor unsere Gegner die größte Angst haben.“ Wenn der Gegner Angst hätte, würde die „Hydra“ (Lichtmesz) einen ihrer Köpfe herausstrecken, bisher hat diese nicht mal gefaucht. Wer sich der „Hegemonie der Multikulti-Ideologie“ nicht unterordnet, ist schon längst mit dem Rassismus Vorwurf belegt und wird damit eingeteilt, genauso wer von Siedlern (Sellner selbst), Kulturbereichern und/oder Invasoren redet, dass alles landet im selben Topf und wenn „Linken“ dies nicht aufgreifen, so wohlmöglich bald die IB oder andere (kürzlich erst der liberale Felix Menzel). Dies ist ein Alptraum, bloß für wen? Das man aber trotzdem lästig ist, wird damit nicht abgestritten.

Zudem kann man nicht von jedem Erwarten alles ständig und überall auszudifferenzieren, als Student vielleicht, aber bei der arbeitenden Bevölkerung geht es um grundsätzliches und dort sieht man auch nur die realen Konfrontationen die einem das System (direkt in Form von Lohndrückern (Lafontain)) vor die Tür setzt. Wenn die Distanzierung aber soweit geht, dass man keinen Witze mehr über religiöse und ethnische Minderheiten oder deutsche Kartoffeln machen darf, ist dies ein merkwürdiger Grundsatz und wirkt tatsächlich albern, weswegen der „Spott“ nicht unberechtigt ist. Soll heißen, man kann es auch übertreiben.

Und doch wird diese Differenzierung immer wieder verlangt: „Im Alltagsverständnis laufen sie auf offenen Chauvinismus, Hass auf das Andere, Abwertung des Fremden etc. hinaus. Haltungen, die mit einer Verteidigung des Eigenen nichts zu tun haben.“ Identität bildet sich auch in Abgrenzung zu anderen und warum nicht auch radikal, hier sei noch mal auf die Großstädte verwiesen und keiner will Zustände wie in Schweden: Wo man es mit Wahnsinnigen zu tun hat (Klonovsky). Dies heißt nicht, dass einem ein bitter blöd Kommentare nicht stören darf, doch nur das Ansprechen, dass von 300 Flüchtlingen alle über ein Smartphons verfügen und der misslich gewählte Begriff „Schmarotzer“ führten bei einer DRK-Mitarbeiterin direkt zur Kündigung und es gibt mittlerweile unzählige Denunzianten, wie im Dritten Reich, die nach politisch missliebigen Begriffen suchen. (siehe auch hier http://www.spiegel.de/karriere/ausland/twitter-us-rassisten-am-internet-pranger-a-1013920.html) Die IB will doch nicht dazu gehören, oder?

Die Aufgabe wird zumindest im Text anders verortet: „Die metapolitische Aufgabe der IB; „Heimat, Kultur, Volk und Tradition“ zu positiven Begriffen zu machen, ist ohne ihre „Reinigung“, ihre Abgrenzung von Schlacke und Schlamm nicht möglich.“ Trennt euch ruhig davon, aber wenn der Volksbegriff bei den Genossen in der Alpen-Donau-Region öfters von der ethnische Komponente entkoppelt wird, genauso wie von Geschichte, wirkt diese „Reinigung“ wie nach 1945, wo die „Österreicher“ sich als erstes Opfer von Hitler sahen und schnell erklärten sie seien keine Deutschen, selbst die damaligen Sozialisten waren da noch anders: „Friedrich Adler (ehemaliger Sekretär der Sozialistischen Internationale) schrieb nach dem Zweiten Weltkrieg: „Wenn die ebenso reaktionäre wie widerliche Utopie einer österreichischen Nation Wahrheit würde und ich gezwungen wäre, zwischen ihr und der deutschen Nation zu wählen, würde ich mich für jene entscheiden, in der Goethes Faust, Freiligraths revolutionäre Gedichte und die Schriften von Marx, Engels und Lassalle nicht zur ausländischen Literatur gehören.”

Sicherlich ringt man um Begriffe und gibt ihnen eine Bedeutung: „Sie „gehören“ [wahrlich] dem, der ihre Deutungshoheit bestimmt.“ Doch wer den Begriffsstatus der herrschenden Klasse übernimmt, hier „Nazi“, sollte mal überlegen, ob man wirklich jenen Verständnis übernehmen will.

Es könnte selbstverständlich auch anders laufen, nicht gerade besser. Die herrschende Klasse definiert beispielsweise Volk nur als bunte Konsummasse zur wirtschaftlichen Nutzbarkeit, so der starke Eindruck und dagegen kämpft man mit einem klaren Volksbegriff (Sprache, Ethnie, Kultur, Geschichte) gegen Windmühlen, dennoch ist die Sancho Panza-Rolle begrüßenswert, weil der Kampf um Begriffe ist und bleibt wichtig, aber was für den Volksbegriff gilt, gilt auch für den Begriff des Nazis oder Ausländerfeinds.

Zudem wie sollte die Schaffung von „unbelastete Symbole und Begriffe“ aussehen, um Menschen an „die Liebe zum Eigenen“ heranzuführen (siehe oben Ethnopluralismus). Ist damit wirklich die „erfundenen Tradition“ (Hobsbawm) des Lambda-Symbol aus der Popkultur gemeint, was mehr Frank Millers Comic repräsentiert, als die Geschichte nach Herodot. Aber das Symbol sei entschuldigt, weil es für eine Identifizierung sorgt, was wichtig ist und zudem lebt man in einem westlich kapitalistischen Staat, soll heißen: Man ist dessen Amerikanisierung der Kultur unterworfen und kann sich dem auch kaum entziehen und man muss im Kampf zum die jungen Köpfe sich auch der Popkultur bedienen, wer dies nicht tun würde, würde einen „Schützengraben“ (Gramsci) aufgeben.

Die eigene Selbstreflexion von Sellner: „die Wahl eines falschen Begriffs“ und die Distanz zu ein paar Politzombies, wirkt gerade wie ein „gehetztes Hin- und Herflüchten vor der Nazikeule“, welches keineswegs dankbar aufgenommen wird von den Medien und ihrem Anhang (siehe Beispiel aus der jungen Welt).

Es wird sich von einer Minderheit distanziert, weil das die Etablierten so wollen, doch wenn dies nicht mehr sind, seid ihr die Nächten und das System fühlt sich in keiner Form irgendwie bedroht. Die sehr gute SPD-Besetzung und auch die Aktion in Rostock haben gezeigt, irgendwann kommen die gleichen Phrasen wie immer und das Gespräch hat sich erübrigt. „Es ist einfach erbärmlich, wie hier einige versuchen, Stimmung zu machen gegen die Ärmsten der Armen – gegen Flüchtlinge.“ (Fahimi)

Die „Verwurzelung in einer klaren Weltanschauung“ bzw. ein „weltanschaulichen Fundament“ sind bisher im Ansatz vorhanden, man ist gegen Multikulti und macht eher die Politik als die Flüchtlinge für die Situation in Europa verantwortlich – auch wenn Fahimi das anders sieht -, dass ist gut und richtig und trotzdem sollte Kritik an Flüchtlingen, von denen sich einige wie die Vandalen benehmen, dabei nicht unterschlagen werden. Diese sollten dann auch keinen Respekt bekommen, wie es Menzel forderte, sondern Ablehnung. Zumal eine liberale Bevölkerungspolitik den kulturellen Verfall auch nicht stoppt, geschweige denn eine Demokratie (siehe dazu Huisken). Andere Kulturen zu verachten, nur weil sich Einige daneben benehmen, sollte man dennoch nicht. Wenn auf PI regemäßig gegen den Islam in seiner angestammten Heimat, im Mantel der Menschrechte, gewettert wird, ist dies mehr als widerwärtig und dumm. (Auf der Seite der „Sezession“, wollte Sellner – sofern nicht missverstanden – noch ein Bündnis mit solchen Leuten. Zum Zweck der Einigkeit der Begriffe, obwohl PI ständig von „Nazi“, im Sinne der herrschenden Klasse, redet und auch kein Problem hat mit nicht muslimischen Einwanderern. http://www.sezession.de/49893/warum-wir-auf-die-strasse-gehen.html/3)

Die Kritik an der Flüchtlingspolitik ist in etablierten Kreisen nur punktuell (http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/kommentar-von-reinhard-mueller-zur-einwanderung-13718799.html) bis gar nicht vorhanden, damit ist man zwar durch seine Haltung im Widerspruch zur herrschenden Klasse, doch hat diese keine Angst und fühlt sich auch nicht bedroht, von wem auch, von 400 Identitären in Wien oder 600 Anderen in Neuruppin? Die herrschende Klasse wird weiter mit „Nazi-Keulen“ auf einen eindreschen, auch wenn die IB damit ein paar Verwirrte meinen würde, wird das die herrschende Klasse nicht stören, geschweige denn ihre Deutungshoheit über den Begriff erschüttern. Es muss nicht wie bei Pirinçci sein: Dem es egal ist, ob man ihn „einen Nazi schimpft oder eine Klobürste.“ Aber Zustände wie erst kürzlich in der AfD und dem Kurs der Jungen Freiheit, will man auch nicht haben. (Siehe dazu die Ausführungen von Manfred Kleine-Hartlage bei Zuerst: http://zuerst.de/2015/07/24/der-befreiungsschlag-der-afd-offenbart-die-irrtuemer-der-herren-lucke-und-stein/)

Manchmal verliert man doch, aber man glaubt zumindest man würde gewinnen, was aber auch schon was wert ist.

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